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Jakob Stern

Rabbiner, Journalist und Sozialdemokrat 

Mitten im Zentrum Stuttgarts, in der Nähe der Liederhalle fällt am 1. April 1911 ein Revolverschuss. Drei Tage ringt der ehemalige Rabbiner Jakob Stern mit dem Tod. Seine Tochter findet ihn blutüberströmt am Schreibtisch mit einer rauchenden Zigarre im Mund. Auf dem Kopf die Kippa und die blutbefleckte hebräische Bibel aufgeschlagen. Seit Jahren ist er schwer gezeichnet von einer Krebskrankheit und von Depressionen. 

 

Auf seiner Beerdigung treffen sich die Spitzen der Sozialdemokratie und in ihrem Nachruf schreibt Clara Zetkin, der Verstorbene sei der erklärte Liebling und Wortführer der Stuttgarter Arbeiterschaft gewesen. Allerdings merkt sie an, er wäre nicht immer ein Mann der klipp und klaren Entscheidungen gewesen. Er hätte jedem Ja ein Aber hinzugefügt. Der Hohenloher und ehemalige Rabbiner hatte sich, nachdem er mit seiner Religion gebrochen hatte, der sozialdemokratischen Bewegung angeschlossen. Er wird einer ihre Wortführer im Südwesten, Leitartikelschreiber und Redner. Er schreibt entscheidend mit am Programmentwurf für den Erfurter SPD- Parteitag 1891 und steht in enger Verbindung zu Karl Kautsky und anderen Größen der Partei. 

Persoenlichkeiten_Jakob_Stern

 

Mit Schäferlocken im Vorbachtal 

Seiner Herkunft nach stammt er aus der großen und verzweigten Familien Stern, die in der vierten Generation in Niederstetten ansässig ist. Am 28. Mai 1843 wird er dort geboren. Sein Vater gehört zu den armen Hausierhändlern, die auf dem Rücken ihre Ware durch die Dörfer trugen. Er bekleidet das Amt des Beschneiders (mohels). Man pflegt die traditionelle orthodoxe Frömmigkeit. Mit 15 Jahren kommt der Junge nach Pressburg auf die damals größte und einflussreichste Talmud Hochschule Europas. Eine Hochburg der Orthodoxie, denn die württembergischen Juden bekämpfen das Reformjudentum, das unter dem Einfluss liberaler Bewegungen im Entstehen war. Doch der junge Mann tut sich schwer mit der gelehrten Gesetzeskasuistik der Orthodoxie. Er wendet sich einer neuen Richtung im Ostjudentum zu, dem Chassidismus. Eine von Polen und der Ukraine ausgehende Frömmigkeitsbewegung, die sich mit Mystik, Gebet und aktiver Gottesliebe beschäftigt. So kehrt der Student auch äußerlich als Chassid zurück. Mit Schäferlöckchen und einem angeeigneten polnisch jiddischen Akzent. In Niederstetten war man entsetzt. Erst recht als der Junge mit diversen strengen Speisevorschriften den Haushalt der Mutter aufmischt und sich mit Zahlenmystik beschäftigt, wovon man bekanntlich nicht leben konnte. 

 

Er entschließt sich nach einer Weile an einer Landesuniversität zu studieren. In Tübingen setzt er sich mit christlicher und mosaischer Theologie auseinander. Er lernt die historisch kritische Methode der liberalen evangelischen Theologie kennen. Damit gelangt er auf die Höhe des wissenschaftlichen Fortschritts, was ihn von seinem bisherigen Standpunkt abrücken lässt. Erst recht entfremdet ihn dies vom konservativen Landjudentum, doch eben nur dort gibt es Rabbinatsstellen. 

 

Schon während seiner ersten Dienstprüfung befasst er sich mit den Werken des Philosophen Baruch de Spinoza, dem großen Ketzer des Judentums. Dessen Schrift „Ethik“ übersetzt er später vom Lateinischen ins Deutsche. In Niederstetten gründet er einen reformjüdischen Bildungsverein und beginnt selbständig zu publizieren. Sein Motto: „Die Religion Israels nach dem Geiste und die reine Religion der Humanität sind identisch“. Dies dürfte nicht nach dem Geschmack seines Schwiegervaters gewesen sein, der vermutlich die Druckkosten auch noch bezahlen musste. Denn Jakob Stern hatte 1872 geheiratet. Die Tochter eines ortsansässigen Weinhändlers, mit der er zwei Töchter und zwei Söhne hatte. 

 

Auf der rauen Alb 

Nach langem Warten und einer Zeit der Arbeitslosigkeit dann eine Stelle am Rande des Schwarzwaldes als Rabbinatsverweser. Man ist zufrieden mit ihm und will ihn nach einem knappen Jahr endgültig anstellen. Doch die staatliche Kirchenbehörde entscheidet anders. Der Anfänger soll sich zunächst in Buttenhausen auf der rauen Alb hochdienen. Für Rabbiner seit langem ein hartes Pflaster. Man hielt es dort in jenen Jahren nicht lange aus. Die jüdische Gemeinde wird von einem selbstbewussten Vorstand geleitet. Kaum angekommen wird Jakob Stern auch schon angegriffen. Er würde die Ritualgesetze nicht genau einhalten hieß es. Und in der Tat, vom Studium und dem liberalen Gedankengut beeinflusst hält er diese Gesetze für historisch bedingt und nicht mehr für zeitgemäß. Außerdem verkehrt er mit Christen in einer Wirtschaft, in der man sicher nicht immer koscher essen und trinken kann. Er weigert sich nachmittags vor leeren Bänken in der Synagoge vorzulesen, nur weil niemand nach dem Sinn oder Unsinn dieser alten Tradition fragt. Bubenstreiche kommen dazu, die Haustür ist eines Tages mit Kot beschmiert. 

 

Der Rabbiner redet Tacheles, wenn er die Juden auffordert, wie andere auch des Königs Geburtstag zu feiern und sich nicht zu weigern aus dem deutschsprachigen Gesangbuch zu singen. Skurrile, nicht beweisbare Vorwürfe kommen hinzu. Er hätte einem verarmten und kinderreichen Gemeindeglied einen Briefumschlag mit einem Kondom eingeworfen. 

Erfurter-Programm

 

Noch mehr Ärger entsteht, als der Rabbiner anonym in der Münsinger Zeitung die Buttenhauser Juden des Wuchers bezichtigt. Er hat wohl Angst davor, dass die Geldgeschäfte in der Gründerzeit den militanten Antisemitismus verstärken könnte. Es prallen zwei Welt aufeinander. Stern lebt mit einer eher idealistischen Weltvorstellung. Von wirtschaftlichen Zusammenhängen und Notwendigkeiten hat er wenig Ahnung. Er ist zwar ein guter Theologe und fähiger Schriftsteller, aber für die neuralgischen Punkte seiner Gemeinde hat er kein Verständnis. So gibt es ständige Reibereien und Dienstaufsichtsbeschwerden. Im Archiv findet man ganze Aktenberge dazu. 

 

Schließlich wird er suspendiert und muss Buttenhausen verlassen, zunächst mit der Hälfte seiner Bezüge und zieht nach Stuttgart. Er bezeichnet sich jetzt selbst als Freidenker und beginnt eine Existenz als Schriftsteller aufzubauen. Doch noch ist er Rabbiner und wird deshalb von den Orthodoxen beobachtet. Man denunziert ihn, er würde die Speisevorschriften nicht einhalten, Feiertage nicht respektieren. Es gibt das Gerücht, man hätte gesehen, wie er am Sabbat vor der Stuttgarter Synagoge demonstrativ Schinkenbrötchen gegessen hätte. Schließlich wird er entlassen und bekommt Berufsverbot. Tage später geht er auf´s Rathaus und tritt mit seiner Familie aus der Synagoge aus, aber nicht in die christliche Kirche ein.  

 

Der Sozialist mit dem roten Taschentuch 

Jetzt knüpft er verstärkt Kontakte zu den Spitzen der Sozialdemokratie, die ihn anfangs durchaus kritisch beäugt und nicht alles durchgehen lässt, was er notiert. 1886 stirbt, erst 38 jährig, seine Frau Rifka. Die beiden Söhne werden zu Verwandten in die USA geschickt und blieben dort. Die Töchter führten den Haushalt. 

 

Er beschäftigt sich mit der Theorie des Sozialismus und beginnt fleißig zu schreiben. Das kann er nun immer besser und damit hat er Erfolg. Auch als Redner auf Versammlungen ist er gefragt. Dies führt dazu, dass Jakob Stern von der Polizei bespitzelt und als einer der Radikalen unter den Agitatoren bezeichnet wird. 

 

Er verspottet den Bismarkkult. Als im Herbst 1890 die Bismarckschen Sozialistengesetze abgeschafft werden, veranstaltet man in Stuttgart eine Siegesfeier. Um Mitternacht inszeniert Stern eine Kabarettnummer. Am Rednerpult zieht er ein rotes Taschentuch hervor – vermutlich ein altes Erkennungszeichen verfolgter Sozialisten – und wischt sich die Krokodilstränen ab. Die bisher immer anwesenden und längst bekannten Polizeispitzel verabschiedet er mit ein paar bissigen Bemerkungen unter großer Heiterkeit der Anwesenden. Es war der Höhepunkt seines Schaffens und seiner Popularität. 

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Um sich und seine Kinder durchzubringen, arbeitet der anrüchige Sozialist als Autor und Journalist. Es entstehen Werke wie „Der lustige Bädecker“, „Wie schreibe ich lustige Postkartengrüße“, „Das Lexikon der Schönheitspflege“. Unter anderem Namen veröffentlicht, ließ er dabei immer wieder soziale und philosophische Aspekte durchscheinen. Freilich waren da auch die radikalen politischen Kampfschriften, Gewerkschaftslieder und Reden, die er verfasst hat.

 

Ab 1903 kann Jakob Stern nicht mehr öffentlich auftreten. Doch schreiben geht immer noch. So tritt er vehement für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Auch sein vermutlich letzter Aufsatz über die „Moral als Waffe der Klassengesellschaft“ ist noch erhalten. 

 

Was ist sonst noch geblieben nach seinem Tod? Ein großes literarisches Werk ja, aber daneben recht wenig. Darunter ein Becher mit einer Gravur des jüdischen Vereins in Niederstetten, den er einst mitgegründet hat. Und ein kleines Album mit Sinnsprüchen. Passend zur intellektuellen Neugier und Wissbegierde dieses Mannes kann man dort lesen: „Wo der Baum der Erkenntnis steht, ist immer auch das Paradies“