Der Lehrer und Vorbeter
Der Vorbeter oder Vorsänger, im Hebräischen Chasan genannt, leitet den Gottesdienst in der Synagoge. Er trägt dabei bestimmte Gebete laut oder mit Gesang vor. Ursprünglich wurde dies von den Teilnehmern des Gottesdienstes selbst ausgeübt. Als sich jedoch die Liturgie ausweitete und besondere Kenntnisse nötig wurden, entwickelte sich das Vorbeten zum eigenständigen Beruf. Später trat dann das Vorbeten hinter dem Gesang zurück, und der Vorbeter entwickelte sich immer mehr zum Vorsänger, zum "Kantor". Ein Vorbeter ist in der Regel Angestellter der Jüdischen Gemeinde. Oftmals war dieses Amt mit dem Beruf des Lehrers verbunden. Da der Vorbeter die Gemeinde beim Gebet vertreten sollte, wurde ihm ein besonders untadeliges Verhalten abverlangt. Der Kantor trug in Niederstetten einen besonderen Talar, der dem eines evangelischen Pfarrers ähnlich war.
Lehrer waren geschätzte und hoch geachtete Persönlichkeiten, Dreh- und Angelpunkt einer jüdischen Gemeinde mit vielen weiteren Funktionen, gerade auf dem Land. Davon zeugt der Nachruf aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 2. November 1933: …Vor wenigen Tagen hat Herr Oberlehrer Oberndörfer mit seiner Familie unsere Gemeinde nach 14-jähriger Tätigkeit verlassen. Herr Oberndörfer war Elementarlehrer, Vorbeter, Vorsitzender des Vorsteheramtes, Gemeinderechner, Rechner des Frauenvereins und Vortragender in den Schiurim (Vortrag oder eine gemeinsame Erörterung und Auslegung von Passagen aus der Thora, dem Talmud oder anderer heiliger Schriften)….Mit vorbildlicher Pünktlichkeit und mit unermüdlichem Eifer erfüllte er seine Pflicht als Lehrer und Vorbeter. Mit größter Genauigkeit führte er die Rechnung der Gemeinde…Durch sein glänzendes Vorbild eines streng religiösen Lebenswandels hat Herr Oberlehrer Oberndörfer in unserer Gemeinde jüdisches Leben erhalten und gefördert….


